Recap zum IBM Watson Summit 2017 in Frankfurt

Meine Erfahrungen mit dem IBM Watson Summit 2017 in Frankfurt begannen rund 4 Wochen vor der Veranstaltung: mit einer „Spam“-Mail.

IBM wollte mich offenbar zu einer Art Hausmesse einladen. Irgendwas mit „Klartext“ und „künstlicher Intelligenz“ wurde im Betreff beworben, was mich noch nicht sonderlich umhaute. Dann aber legte die Mail nach: Die Veranstaltung richte sich an Leute, die schon vollständig digital unterwegs seien. Und die mit Hilfe von Big Data und Analytics neue Fragestellungen finden und beantworten wollen. Die Einladung kulminierte mit den Worten „Willkommen im kognitiven Zeitalter“. Das war eine Ansage, die mich reizte.

Der Erste seiner Art

Der IBM Watson Summit fand am 10. Oktober erstmals in Deutschland statt, genauer gesagt in Frankfurt.

Unter dem Codenamen Watson versteckt sich mittlerweile eine ziemlich große Plattform mit Programmen und Services rund um das Thema Künstliche Intelligenz. Wollte man die Plattform vergleichen, wird man am ehesten bei Microsoft Azure fündig. Wer weder das eine noch das andere kennt, findet hier ein FAQ zu IBM Watson.

Datenschutz: direkt abgeräumt

IBMs Deutschland-CEO Martina Koederitz übernahm die Eröffnung des Summits. Statt mit Superlativen und Marketingbuzzwords das Event zu zelebrieren, zog sie es vor, direkt die großen Punkte zu addressieren, die sicherlich vielen (deutschen) Anwendern und Betrieben im Kopf herum gehen. Ganz konkret: wie passen Cloud und Sicherheit zusammen.

„Everytime und Everywhere braucht eine Plattform“, unterstrich Frau Koederitz. Und damit Unternehmen sicher sein können, dass diese Plattform nicht missbraucht wird, hat IBM bereits beim Weltwirtschaftsforum 2017 in Davos (WEF2017) die drei Prinzipen veröffentlicht, nach denen das Unternehmen mit seinen Watson Cloud Services gedenkt zu handeln: Zweckbindung, Transparenz und Bildung. Im Klartext heißt das: wer eigene Daten auf der Plattform einstellt, kann davon ausgehen, dass es seine Daten bleiben. Auch die Ergebnisse („Insights“) bleiben dem Kunden. Unter „Bildung“ versteht das Unternehmen die Verpflichtung, die Menschen in die Lage zu versetzen, mit den neuen Möglichkeiten vernünftig umgehen zu können. Der allseits beklagte Fachkräftemangel lässt grüßen. Die Prinzipien-Carta findet sich zwar noch nicht offiziell bei IBM, immerhin wurde sie aber beim WEF2017 ordentlich dokumentiert.

Nach dieser Ansage steckte die IBM Managerin dann noch den weiteren Rahmen ab: Unternehmen nutzten heute nur 20% ihrer Daten, treffen zu mindestens 1/3 klar falsche Entscheidungen und verkennen, welche Datenmengen in Zukunft zu bewältigen seien.

WhatsApp per Gedankensteuerung

Als nächstes stieg Professor Dr. Miriam Meckel in den Ring, ihres Zeichens Publizistin und Herausgeberin der Wirtschaftswoche. Unter dem Titel „Mensch und Maschine, wie sich die Grenzen unseres Denkens verschieben“ führte die Referentin dem Publikum vor Augen, was bereits heute alles in Sachen Künstlicher Intelligenz möglich ist.

Aus erster Hand berichtete sie von der Erfahrung mit einem Brain-to-Text Interface, dass Frau Meckel schon selbst getestet hatte. Dank eines Gadgets, dass an eine Mischung aus Badekappe und Haarnetz erinnert, war sie in der Lage, durch Konzentration einzelne Buchstaben in ein digitales Interface zu schreiben. Zugegeben, dass klingt im ersten Moment nach einer Story vom Kaliber „Räuberpistole“. Andererseits muss man Frau Meckel zugute halten, dass Facebook dieses Jahr auf seiner Entwicklerkonferenz F8 auch schon über das Thema „type directly from your brain“ sprach. 100 Worte pro Minute hielt man dort für realistischerweise erreichbar.

Dass wir als Gesellschaft gut beraten sind, uns noch etwas umfassender mit dem Thema Digitalisierung auseinanderzusetzen, machte Frau Meckel dann an einem weiteren Beispiel deutlich: dem britischen Künstler Neil Harbisson, dem ersten offiziell anerkannten Cyborg. Herr Harbisson hat sich eine Antenne in den Schädel implantieren lassen, mit der er Farben sehen kann.

Richtig „spooky“ wurde es beim Thema Brain-Decoder/Encoder. Zur Sprache kam ein Experiment an zwei Ratten, die eine in Rio, die andere in Washington. Die Ratte in Washington lernte Dinge, die per Brain-Network der anderen Ratte quasi „im Schlaf“ beigebracht wurden. Am nächsten Tag konnte die Ratte in Rio auf einmal Dinge, die sie in Rio nicht lernen konnte.

Von diesem Punkt aus wurde es geradezu philosophisch: wem gehören die „eigenen“ Gedanken, wenn unsere Gehirne zukünftig anhand einer Neuro-Crowd zusammengeschlossen sind. Haben wir bald ein Hirn-Prekariat, eine Unterschicht von Leuten, die ohne Brain-Enhancements auskommen müssen? Wer bin ich überhaupt, wenn die Gedanken in meinem Kopf einer ganzen Community zuzurechnen sind?  Es mangelte wirklich nicht an spannenden Fragen in diesem Vortrag.

Aus Vision wird Realität: die Podiumsdiskussion

Nach der starken und überaus kurzweiligen Keynote schritt Martina Koederitz erneut auf die Bühne. Flankiert wurde sie von Christoph Keese, Executive Vice President der Axel Springer SE sowie von Erik Kahlert, dem Vorsitzenden der Geschäftsführung der KONE GmbH (die mit den Aufzügen).

Christoph Keese eröffnete die Runde mit der „Nahtod“-Erfahrung, die sein Verlag mit der aufkommenden Digitalisierung der Gesellschaft machte. Da kam alles zusammen: von vielen gescheiterten Inkubatoren bis hin zu der Erkenntnis, dass vieles von dem, was man heute gut kann, morgen nicht mehr gebraucht wird. Starke Aussagen, glaubwürdig formuliert.

Ebenfalls sehr eingänglich brachte Herr Keese auf den Punkt, was genau denn „Disruption“ nun sei. Dabei geht es nicht um neue Technologien, sondern um die Zerstörung eines bestehenden Geschäftsmodells. Oder, um es ganz praktisch zu formulieren: „wir müssen lernen, in Geschäftsmodellen zu denken.“

Fachkräftemangel bleibt ein Thema

Etwas weniger appellativ und etwas mehr „Hands-on“ kam dann Erik Kahlert von Kone daher. Seine Rolle war offenbar, dem Publikum ganz konkret zu zeigen, was eine „normale“ Firma mit ganz alltäglichen Produkten denn nun machen kann, um sich auf die Digitalisierung einzustellen. Dabei stellte er zunächst heraus, dass Kone das Thema Digitalisierung nicht nebenher angeht sondern eine eigene Abteilung gegründet hat, die das Thema erkundet. Wie auch schon Martina Koederitz berichtete auch er, dass es nicht ganz einfach war, das richtige Personal zu versammeln – mit Bordmitteln war das Problem nicht zu lösen. Einmal mehr wird klar: wir brauchen mehr IT-, Development-, Planning- und Analytics-Fachkräfte.

Mit Hilfe der Daten, die Kone in seine Aufzügen und Personenbeförderungssystemen (u.a. Rolltreppen) erhebt, ist das Unternehmen momentan dabei, Prognosen für Wartungseinsätze zu generieren. Langfristig geht da aber sicher noch mehr. Christoph Keese lehnte sich mal kurz aus dem Fenster und schlug vor, die Aufzüge nicht mehr zu verkaufen sondern nach Personen/Kilometern abzurechnen. Noch war das dem Publikum einen Lacher wert, in 10 Jahren sieht das vermutlich anders aus.

Best of Breed

Bei allen drei Diskutanten war leicht herauszuhören, dass wir uns in einer großen Phase der Umstellung befinden. Technologien und Geschäftsmodelle werden in Frage gestellt – und immer wieder kommt es dabei vor, dass ein jahrzehntealtes Modell über Nacht hinweggefegt wird. Doch nicht jedes neue Modell, nicht jeder vermeintliche Hype, wird auch gleich zum Blockbuster. Im Gegenteil. Erneut war es Christoph Keese, der die Runde nach vorne trieb. Er plädierte für mehr Mut in den Unternehmen und rechnete vor: „Wenn du am Ende 10 Frösche willst, dann brauchst du 1.000 Kaulquappen.“ Dieses Mindset gibt es in anderen Teilen der Welt schon, z.B. dem Silicon Valley. Dort scheitern – je nach zählweise – durchaus 90% und mehr aller Startups. Im positiven Sinne sieht man dort „die Evolution bei der Arbeit.“

Innovation – einfach selber machen

Zum Abschluss beschäftigte sich die Podiumsdiskussion noch mit der Frage, wie man denn als Unternehmen in einer Zeit bestehen kann, in der vieles im Wandel ist. Für das Management empfahl Christoph Keese, sich den Blick eines Auto-Ingenieurs zuzulegen. „Diese Leute arbeiten den ganzen Tag an Autos, die erst in 5-10 Jahren die Straßenzulassung haben. Für die ist alles, was draußen herumfährt, ein Anachronismus.“

Wem das noch zu unkonkret war, der wurde noch mit einem weiteren Tipp bedacht: dem Gefühl des Genervt-seins. Das Potenzial für Disruption ist hinter dem Gefühl des Genervt-seins. Wer ein solches Nerv-Problem löst, der darf damit rechnen, dass die Menschen ihn dafür honorieren.

Handel im Wandel

Nach der Mittagspause sprach u.a. CIO Patrick Kosche von der JAB ANSOEZ Group aus Bielefeld. Auch er berichtete „Hands-on“ davon, wie sich sein Unternehmen auf die Digitalisierung eingestellt hat. Das Unternehmen verkauft Stoffe (Textilien) – und davon eine ganze Menge. Gut 30.000 Produkte sind online erwerbbar, „aber was glauben Sie, was bei uns los ist, wenn eine Kundin online einen hellen Vorhang mit Schmetterlingsmuster kaufen will?“. Damit war eines der Probleme des Unternehmens schon umrissen. Mit manuellem Tagging der Produkte war dieses Problem nicht zu lösen – mit automatisierter Mustererkennung bzw. Auto-Verschlagwortung ging hingegen schon deutlich mehr.

Ebenfalls interessant: JAB experimentiert mit der Opensource-Blockchain Hyperledger. „Wir machen das, weil wir darüber mit Wettbewerbern zusammenarbeiten können“, gab der CIO dem staunenden Publikum mit. Und in der Tat: obwohl die Software erst Ende 2015 bekannt wurde, befassen sich bereits einige namhafte große Unternehmen damit.

Fazit: da geht noch was

Der IBM Summit 2017 in Frankfurt hat Digitalisierung in zahlreichen Facetten gezeigt. Und auch, wie Unternehmen damit umgehen. Klar ist, dass Europa und auch Deutschland in Sachen IT nicht zu den weltweiten Spitzenreitern gehört, doch mit dem anstehenden Wandel hin Richtung KI und Kognitiver Intelligenz werden die Karten wieder neu gemischt. Das ist eine große Chance für alle, die bereit sind, sich mit Daten und „Nerv-Problemen“ intensiv auseinanderzusetzen. 

Was die Organisation angeht, muss man IBM loben. Beim Auditorium hatte ich den Eindruck, dass hier eine gute Mischung aus Management und Technik gefunden wurde. Die Gespräche an den Ständen und auch die Nachfragen in den Vorträgen ließen klar erkennen, dass es hier nicht um eine Consumer-Veranstaltung ging.

Bei der Auswahl der Referenten hat IBM insbesondere mit Miriam Meckel und Christoph Keese richtig gute Leute an Bord – hier ist lediglich zu bedauern, dass Frau Meckel direkt nach ihrem Vortrag wieder verschwand. Kritisch bleibt anzumerken, dass nicht jeder Vortrag im Nachmittags-Programm mit dem hohen Niveau des Vormittags Schritt halten konnte. So kam es, dass ein Vortrag viel zu oberflächlich blieb, andere wiederrum einfach nur schlecht präsentiert waren. Da ist noch Luft nach oben.

Alles in allem ist festzuhalten: es war eine ziemlich gute Veranstaltung, die gleichermaßen inspirierend wie auch informativ war. Top! Gerne wieder.

TL;DR

Der IBM Watson Summit in 5 Sätzen:

  1. Bei Künstlicher Intelligenz (KI) geht es nicht nur um superschlaue Computer. Es geht auch um die Verbindung der KI mit dem Menschen.
  2. Man kann KI leicht belächeln, weil sie erst noch üben muss. Wenn sie etwas üben konnte, ist sie ziemlich gut.
  3. Silicon Germany: wir können auf dem Weltmarkt mit KI-Themen noch überholen, ohne bei Facebook, Twitter & Co aufholen zu müssen.
  4. Verändere als Unternehmen das, was die Menschen nervt oder schlichtweg nicht gut ist.
  5. Komm ins machen: KI und Cognitive Services sind bereits online und mit wenigen Zeilen code nutzbar.

 

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